Brieftaube der Poesieboten
Poesie, Lyrik, Poesiebriefkasten
Poesie-Briefkasten
Wirtstraße 17
81539 München
München schillert - Gedichte aus dem Poesiebriefkasten

München schillert

Gedichte aus dem Poesiebriefkasten von 111 PoetInnen; Euro 14,90; Taschenbuch; Erhältlich bei amazon, Smart+Nett oder Ihrem Buchhändler; Infos



Poesie-Briefkasten, Wirtstr. 17, 81539 München
Briefkasten der Poesie in Giesing

Freunde


Webtipp für Wörterfreunde

Retropedia.de, merkwürdige oder fast vergessene Wörter


Suchen & Finden  
erweiterte Suche  

Devarnier Hembadoom Apoeta

16. September 2017  16 - 19 Uhr

Wirkstoff Poesie

In der dichten Atmosphäre des Kellergewölbes im Einstein Kultur erstrahlen die Gemälde des brasilianischen Künstler Devarnier Hemadoom in einem fast sakralen Licht. Hembadoom hat Prostituierte in einem Bordell besucht, mit ihnen geredet, sie fotografiert und daraus eine Serie von Gemälden erstellt, die eindrücklich zeigen, dass jede der Frauen ihren Alltag nur mit Hilfe von Medikamenten bewältigt.

Das erläutert Rosanna Ferrarezi-Gebauer vom Deutsch-Brasilianischen Kulturverein. Der hat uns Poesieboten eingeladen für das Rahmenprogramm der Ausstellung –„Aspirin“ eine Offene Poetenbühne zu veranstalten.

Das Gewölbe füllt sich nach und nach mit über 50 Neugierigen. Zur Eröffnung trägt der brasilianische Musiker João Araújo „Der Kuss des Nächsten“ vor. Dann entführen uns er (Gitarre) und Claudia Araújo (Gesang) per Bossanova nach Brasilien.

Fast 20 Poetinnen lassen heute Poesie wirken. Zum Glück ohne unangehme Nebenwirkungen wie das feinironische Gedicht von Denise de Luca-Rösler suggeriert, aber mit einem gewissen Suchtfaktor.

Einige haben sich direkt von der Ausstellung inspirieren lassen. Nicole Hilbrand flüstert uns verführerische, doch leere Versprechungen der Drogen ein. Frisch unter dem Eindruck der Bilder hat Brigitte Obermaier spontane Zeilen für die Nackten und Verstoßenen verfasst. Claudia Westhagen bringt persönliche Erfahrungen mit den negativen Beeinflussungen durch vermeintliche Heiler und Heilslehren vor.

Manche Poeten lassen sich auf dem gemütlichen Sofa nieder, Peter Vogel kniet auf dem Fußboden - nicht ohne sich ein Polster unterzulegen. Das bringt eine Prise Humor in sein verstörendes kapitalistisches Bußgebet. Eine fröhliche Ode auf die Vielfalt der brasilianischen Gesellschaft hat Richard Maresch extra für diesen brasilianisch-deutschen Kultur- und Poesieaustausch geschrieben. Michaela Hug-Szajer vergleicht das Leben mit einem wundervollen Garten: Büsche, Sträucher, Rosen – wir suchen uns unseren Strauß selbst aus.  

In der Pause betrachten die Gäste intensiv die Gemäldeausstellung und und geraten darüber schnell ins Gespräch.

Wie zerstörerisch, wenn andere in den eigenen Bildern herummalen – eine Erfahrung, die sich in Angelika Genkins Gedicht wiederfindet. Doch geradezu ein Gewaltakt ist es, in den Traum eines geliebten Menschen einzudringen, so Lothar Thiels Gedicht.

Dietmar Wilgosch verlässt den antrozentristischen (Mensch im Mittelpunkt) Standpunkt und skandiert ein schnellgerapptes Plädoyer gegen die Diskrimierung von Kröten. Da müssen alle lachen.

Der Gewinnsucht begegnet Hans Senninger mit einem beißenden Spottgedicht auf einen brandaktuellen Giesinger Abrissskandal, während Elisabeth Thal drollig die Nöte der Rauchsüchtigen beschreibt. Von Auto bis Aspitramalcolathranhexansäure – wir speisen Träume aus Äußerlichkeiten, denen wir uns unterwerfen, so das Gedicht von Madalina Sora-Dragomir.

Walter Grassl besticht einen Wortwitz, der sich gekonnt an überraschenden Reimen aufhängt. Sigrid Voss lässt uns einen Blick auf ihre Gedankenperlen werfen.

Zwischen dem Dunkel der Zukunft und dem Dunkel der Vergangenheit liegt unser schmaler Streifen Licht in Samuel Swartzbergs Gedicht „Immortality“. Sehr anrührend, aber in der Sache hart ist das kleine Gedicht von Adeel Jamil zur Kinderarbeit. („Chota“ = Kind auf Urdu) „Sorgenfreier Schlaf im weichen Bett? Oder Angst vor dem nächsten Tag?“ fragt Josefa Weindl, denn das trennt die Menschheit bei den Kindern angefangen.

Von Bitter nach Süß schwankt Helena Schmidt in ihrem freudig-leidenschaftlichen Vortrag.

Auch ein besonderer Geburtstag wird dichterisch gewürdigt. Der Poesiebriefkasten wird heute vier Jahre alt. Das Jubelgedicht schrieb in Vertretung eines abwesenden Fontane, die Kristiane (Hehn) und hat sogar einen leckeren Kuchen dazu gebacken. Dieser wird nicht einmal einen Tag alt.

Mary Klings Gedicht entstammt einem wundervoll illustrierten Büchlein. Die portugiesischen Zeilen wurden mit lyrischen Gespür ins Deutsche übertragen.

Wie ein Priester der Pharmakologie in einen weißen Talar mit roten Streifen und Strichcodes gehüllt trägt Devarnier noch seine Ode ans Aspirin vor.

Poesie wirkt, Wörter und Gefühle fließen und strömen über, mal süß, mal salzig wie Tränen. Tränen = lágrima = poesia

***

Medienecho

***

Danke

Deutsch-Brasilianischer Kulturverein
Devarnier Hembadoom
Claudia und João Araújo
Allen Poeten

Rosanna Ferrarezi-Gebauer (RF), Claudia Westhagen (CW), Lothar Thiel (LT) für die Fotos