Brieftaube der Poesieboten

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Gedichte aus dem Poesiebriefkasten von 111 PoetInnen; Euro 14,90; Taschenbuch; Erhältlich bei amazon, Smart+Nett oder Ihrem Buchhändler; Infos

München schillert - Gedichte aus dem Poesiebriefkasten

Poesie-Briefkasten, Wirtstr. 17, 81539 München
Briefkasten der Poesie in Giesing
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Treffpunkt... ©LT

... Tela-Post ©LT

Schön schlicht ©LT

ein Gedicht fürs Poesie-Radl ©LT

Revoluzzer-Ballade ©LT

Gedenkstele ©LT

weiter gehts ©LT

Miami, Memphis oder ... ©LT

„mog i ned." ©LT

Da fehlt doch was! ©LT

Verblasstes Bild ©LT

Hinein ins Viertel ©CU

Nonnen-Erfahrungen ©LT

Geheinmisvoller Pfad ©LT

Verweinte Zwiebel ©LT

Der Kraftort ©LT

Lüftlmalerei ©LT

im Untergrund ©CU

©LT

Abstieg ©LT

Heiteres Beruferaten ©LT

Starkes Denkmal ©LT

Wunderbare Bachsonate ©CU

Piazzafeeling ©LT

Corona-Gedicht mit Biss ©LT

Aparte Dame ©LT

Venedig ©LT

Verwunschen @LT

IA auf griechisch © CU

Zwischendurch-Pause ©LT

Zwischennutzung-Baustelle ©LT

@Abschied auf dem Parkplatz ©LT

Dichter-Viertel Giesing ©LT

26. Juli 2020  14 Uhr

Lüftl-Poesie

Ein Schmuckstück, das allein durch seine Schlichtheit besticht, ist die Giesinger Tela-Post, unser Treffpunkt zur „Lüftl-Poesie“ am 26.Juli 2020 um 14 Uhr, der ersten richtigen Veranstaltung seit dem Lockdown. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt und alle bemühen sich um einen achtsamen Abstand.

So edel schlicht wie das Bauhaus-Denkmal ist auch Hans Senningers Gedicht, das wir zu Ehren der Architekten Robert Vorhoelzer, Walther Schmidt und Hans Schnetzer, an ein seit langem verwaistes Radl vor der Post hängen. Ein paar Meter weiter bei der Stele von Konstantin Frick gedenken wir der 1919 ermordeten Giesinger Revolutionäre – doch bevor es zu ernst wird, tische ich Erich Mühsams Ballade vom revoluzzenden Lampenputzer auf.

Weiter geht’s zu der kleinen Siedlung um die Kistlerstraße. Wir werfen einen Blick auf die Brandmauer über der „Kleinen Kneipe“. Der Verein RealMünchen will sie neu gestalten mit Giesinger Motiven und wir hoffen alle, dass im dem neuen Wandbild auch unser Poesiebriefkasten einen schönen Platz erhält. Hier in der Nachbarschaft von ehemaligen Arbeiterhäusln haben die „Armen Schulschwestern“ ihr Refugium. Sie haben Generationen von Mädchen eine Ausbildung in einem sehr beschützten Rahmen ermöglicht. So auch Astrid, der sie „das Leben gerettet“ haben. Allerdings Miniröcke oder gar Jungs auf dem Schulhof hatten in ihrem pädagogischen Konzept keinen Platz!

In einer lauschigen Ecke auf dem angrenzenden Spielplatz unterhält uns Lothar Thiel mit zwei launigen Gedichten. Eines handelt von einer depressiven Zwiebel und das andere von seinem langsam aufgrund einer Diät schwindenden Dichter-Ich. Der Suppenkaspar lässt grüßen. Weiter geht es über einen kurios nutzlosen Dschungelpfad vorbei an Giesings wohl zweitsicherst befestigtem Anwesen (das sicherste dürfte Stadelheim sein). Manche Flaneure versuchen per Google Earth einen Blick hinein zu werfen. Doch bevor Verschwörungstherorien entstehen, überqueren wir schnell die Silberhornstraße. Im verkehrsumtosten Bermudaviereck zwischen Heilig-Kreuz-Kirche, Lutherkirche, Brauerei und Moschee liegt das wahre Zentrum Giesings. Das nicht nur spirituell. Denn hier auf dem Grund der Ichoschule wurden die ältesten auf das 7. Jahrhundert datierten Spuren menschlicher Besiedlung in Giesing gefunden.

Dann tauchen wir unter in den kühlen Ziegelsteintunnel, wo wir leuchtende Lüftlmalereien bestaunen. Entstanden sind sie bei einem Kunstprojekt von Schülern der Ichoschule. Vor dem Motiv des Steyrer Hans, dem die Münchner die Tradition des Einzugs der Wiesnwirte verdanken, rezitiert Monika Attensperger aus dem Stegreif das „Loisachlied“ in dem der stärkste Mann Giesings besungen wird. Vergnügt machen wir uns an den Abstieg übers Zickzackbergerl nach Untergiesing.

Wir gelangen durch eine Wohnsiedlung zu einem ruhigen Uferabschnitt des Auermühlbachs. An einer Brücke halten wir an dem steinernen Denkmal eines Handwerkers und spielen heiteres Beruferaten. Hier trägt Astrid Sherina Schaper eine romantisch dahinperlende Zeilenkette zum Bach vor.

Davon berührt machen wir uns auf ins eigentliche Klein-Venedig. Dabei passieren wir solide Genossenschaftsbauten mit einem eigenartig pockennarbigen Verputz, dessen erbsgrüne Farbe denkmalgeschützt ist, wie eine Teilnehmerin weiß. Auf einer schnuckligen, italienisch anmutenden Piazza mit Ahornbaum zaubert Lothar noch eine Gedicht hervor, zu dem ihn eine Linde inspiriert hat.

An der Brücke neben dem vornehm bürgerlichen Apothekenhaus trägt uns Chris Uray fein ziselierte Gedankengänge zum Corona-Virus vor, das mit einem „dictatore“ verglichen wird. Alle applaudieren – und noch ist keiner müde.

So wandern wir noch weiter auf die andere Seite des Bachabschnitts, wir bewundern die romantischen direkt ins Wasser ragenden Mäuerchen der am Ufer aufgereihten Häuser. Feucht wird es gewesen sein in vergangenen Jahrhunderten meint Frau Käser. Wir kommen noch zu zwei winzigen Gebäuden. Früher beherbergten sie bittere Armut, heute sind verwunschen schicke Wohnsitze daraus geworden.

Wir rasten kurz in dem einladend gestalteten Vorgärtchen, bewacht von einem originellen griechischen Urlaubssouvenir. Zum Schluss schauen wir nach, wie weit das märchenhaft verwinkelte Hexenhäuschen gediehen ist und sind uns einig – viel zu schade für reine Zwischennutzung.

Einige Wanderer lassen diesen anregenden Spaziergang gemeinsam auf der Terrasse beim „Fiedler und Fuchs“ ausklingen.

©Katharina, Juli 2020

Danke an Lothar Thiel (LT) und Chris Uray (CU) für die Fotos