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Lylab – Urlaute und Veilchentöne

Premiere unseres Lyrik-Labors. Mein Motto für diesen Abend: „Man muss noch etwas Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern zu gebären.“ (Nietzsche) Über den Anfang habe ich am meisten nachgegrübelt, und dann war es doch ganz einfach: Erst einmal Sprache und Gedanken auf Reset stellen.

So fand die Vorstellungsrunde der 13 Teilnehmenden in einer Art Ursprache statt. Befreit von Inhalt und Grammatik purzelten die Laute in ihrer eigenen Dynamik, manchmal ein wenig ausgebremst durch das Gefühl von Peinlichkeit, heraus. Margot Haeger fand hier einen schlauen Zugang. Vom fast noch verständlich gebrabbeltem Bairisch bis hin zu ihren Fantasielauten konnten alle Sprachentstehung rückwärts und im Schnelldurchlauf miterleben.

Dann ging es an ein Büffet der sinnlichen Erfahrungen, das zu einer überbordenden Produktion von anschaulichen Wörtern führte. Das Sofa im Vorraum im 1. Stock des Kulturzentrums Giesinger Bahnhof konnte kaum die ganzen Zettel fassen.  Die erste Schreibaufgabe war abstrakte Begriffe, wie Frieden oder Umwelt – siehe unsere offene Bühne „Poesie für unseren Planeten“ im Juli – mit Hilfe dieser Sinnenwörter zu beschreiben.

In knapp 10 Minuten konzentrierter Arbeit entstanden Werke, die alle klug, aber nicht intellektuell, emotional, aber nicht romantisierend waren. Als Beispiel hier die Zeilen von Klaus Deischl:

Frieden schmecken

In ganz unscheinbarem Grau gesehen
In rostigen tiefen Tönen versinken
In zartem Veilchenton der Nase schmeicheln
In Mustern, Farben, Formen Neues verstehen
In salzig süßen Geschmäckern ertrinken
In zärtlichen Bewegungen Unbekanntes streicheln.

Im Anschluss stellte Isis Marschall das neue Poesieboten-Projekt „Poetische Briefe an die Zukunft“ vor. Dazu hat sie ein Brief inspiriert, den sie selbst an ihre (in zehn Jahren) 18-jährige Tochter geschrieben hat. Über die Entwicklung dieses generationenübergreifenden Projekts erfahrt ihr auf dieser Website. Zum Einstieg erfand die Runde eine Menge neuer Begriffe wie den „Gewaltumwandler“, den wir nicht erst in Zukunft sicher gut gebrauchen können.

Zum Abschluss griff Isis das Thema Ursprache vom Anfang wieder auf, die in mehreren gleichzeitig geführten Dialogen getestet wurde. Ich denke, so intensive Gespräche in so kurzer Zeit unter fast Fremden wären in Alltagsprache nicht möglich gewesen.

Ein Abend, den die Teilnehmenden „fantasieanregend“, „befreiend“ und „erfrischend“, aber manche auch „anstrengend“ fanden. Für mich war er wie der Meteoriteneinschlag, den Liza ins Spiel brachte: Ein Krater voller Wortschätze und die Anziehungskraft von noch nie gehörter Poesie.

Lylab ist eine Kooperation des Kulturzentrums Giesinger Bahnhof und des Poesieboten e. V. Das nächste Lylab findet am 14. Juli statt. Danke an Brigitte Obermaier für die Fotos.

Katharina