Brigitte Obermaier hat der „Natur ohne grünen Fleck“ ihr Gedicht gewidmet; es ist düster, doch leider kein Fake. Im Namen des Fortschritts „frisst sich das Wachstum selber auf“. Am Ende glimmt ein wenig Hoffnung: „Lasst wachsen, was noch wurzeln kann. Fängt dann vielleicht das Heilen an?“
Heiterer geht es weiter: Direkt aus seinem Haiku-Zauberkasten gibt Hans Senninger Köstliches preis: Impressionen mal von der Nordsee, mal aus der Großstadt. „Mehr, mehr“, fordert das Publikum! Haikumäßig kurz sind auch Hans’ Erklärungen über diese japanische Dichtkunst. Wieder etwas gelernt.
„Hey, alte Liebe, warum machst du Slalom durch mein Herz?“ oder „Hey Mädl, ist das Dirndl schon wieder aus der Mode?“ und mehr fragt uns Madalina Sora-Dragomir. Mit ihrem augenzwinkernden Refrain „Zieh die rosarote Brille an, dann …“ zieht sie uns und sich selbst aus dem Sumpf von Alltag, Trauer und Luxusproblemen.
Ups, Katharina Otts lyrisches Ich hat es voll erwischt: „Dieses Teenager-Durcheinander“, „dieses Rührei im Bauch“, „dieser abgrundtiefe Sturz von der Gotik in die Romantik”. „Verliebt” heißen das Gedicht und das Gefühl. Davor schützt kein Alter. Alle nicken: „Gott sei Dank”.
Das Warten hat sich gelohnt. Vor einem halben Jahr trug Alexander Gressmann die ersten beiden Zeilen seines Limericks vor. Der Rest ist ihm – vergnüglicherweise – jetzt erst eingefallen: „Ein Lkw-Fahrer aus Giesing/ hatte Probleme mit Leasing/ bei Garmisch versagte die Bremse/ da rammte er nachts eine Gemse/ nun seufzt er bei Bacchus und Riesling”*.
„Buchstaben schwirren wie wild durch die Luft, sind wie ein längst vergessener Duft.“ In charmant gereimten Versen beschreibt Astrid Sherina Schaper etwas, woran sie offensichtlich selbst nicht leidet: „Eine Reimschreibblockade.“ Also nur Fake? Macht nix, es ist wunderbar anzuhören.
Jetzt performt Johannes Rzepka sein kurzes Werk „Roses Wanderschaft“. Rose, „die sich im Wasser sah“ und „kein Moses, der Fluten spaltete“ und auch sonst niemand, der hilft. Da macht Rose einen drastischen Schritt. So eigenwillig ihre daraus folgende Metamorphose auch ist: Ein Schelm, wer’s nicht genauso machen würde, wenn er sich nur trauen würde.
Sanft wie ein „whisper of a gentle brise“ schließt Tatiana Michailova die Vorträge ab. „The Garden of Peonies“, ein Gedicht wie ein Heilspaziergang im Pfingstrosenpink. „In the glow I see my soul completly restored“.
Alle sind jetzt wach, keine schweren Reden über Poesie werden gehalten, mehr ein Quatschen, aufgeregt, über diese wertvollen lyrischen Pausenzeiten. Schnell noch ein paar Gedichte laminiert und ans Radl gehängt, denn plötzlich erleuchtet eine 1000-mal-1000-Watt-Sonne Giesing, und eine kleine Kerntruppe flankiert das Poesie-Radl durch die quietsch-orangenen Hinterhöfe zur Giesinger Seufzerbrücke.
Dort steht jetzt ein bisserl Poesie und wer’s nicht glaubt, kann selbst hingehen und nachschauen.
*Im „Bacchusstüberl“, Tegernseer Landstraße 155, soll er gesehen worden sein.
© Katharina
Fotos: Katharina Ott; Katharina Schweissguth
Event in Kooperation mit dem Stadtteilladen Giesing im Rahmen der Stadtviertelwoche zum Thema Fake und Nachhaltigkeit, initiiert von der Giesinger Künstlerin Rossy Riszterer, Creativquelle.















