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München schillert

Gedichte aus dem Poesiebriefkasten von 111 PoetInnen; Euro 14,90; Taschenbuch; Erhältlich bei amazon, Smart+Nett oder Ihrem Buchhändler; Infos


1. Poetischer Adventskalender

Vor Weihnachten geht die Poesie in den Giesinger Untergrund. „Schau hin und halt inne.“ Tagebuch der Poesie-Postbotin

20.12. Jürgen Schäfermann zeichnet Text und schreibt Zeichungnen. So ist im Gasthaus („Da hatte ich eh Zeit.“) aus Theodor Storms „Von Drauß vom Walde“ eine dichte poetische Textur entstanden, die er als zusätzliches Fensterl hingeklebt hat.

19.12. Diana Barchien ist stark erkältet. Trotzdem ist sie pünktlich beim Adventskalender aufgetaucht. Sie hat ein wunderbares Gedicht vom wunderbaren Rilke ausgesucht. "Ankunft". Das Gedicht ist so anregend, dass wir lange ins Quatschen geraten. Ist es aus der Fötusperspektive geschrieben? Werden wir erst in den Augen eines Gegenübers geboren? ...

18.12. Das Gedicht auf dem braunen Papier ist weg. Schade. Ich sinniere, ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen ist, wenn Gedichte geklaut werden.
Da kommt Herr F. vorbei, den ich aus der Poesielesung im Pilgersheim kenne. Er rezitiert aus dem Stand Ringelnatz und sagt einen Zungenbrecher auf: „Der Leutnant von Leuthen befahl seinen Leuten nicht eher zu läuten, bis der Leutnant von Leuthen seinen Leuten das Läuten befahl.” Bevor er geht, kommt auch schon der Poet des heutigen Tages, Alexander Gressmann und macht sich sogleich ans Werk. „Raum zwischen den Mauern" heißt das Gedicht. Für mich handelt es von einer vorsichtigen Annäherung. Eine gezeichnete Mauer unterstreicht die Überschrift.
Später baut sich ein etwa 8jähriges Mädchen vor den Gedichten auf und fragt sich, ob denn die Leute die Gedichte auswendig lernen mussten, bevor sie sie hinschrieben...

17.12. Auf braunes Seidenpapier – offenbar vom gerade getätigen Einkauf–  geschrieben, meint „eine Münchnerin“: „Weihnachten ist nicht nur Glühwein, Geschenke, Kirche und Kerzenschein, sondern auch: z. B. tolerant und hilfsbereit zu unseren (auch zu den uns fremden) Mitmenschen zu sein.
Immer mehr Menschen bleiben immer länger vor dem Adventskalender stehen. Gerne nehmen sie die kleinen Briefchen mit der Adresse des Poesiebriefkastens. Ob sie wohl schreiben?

16.12. Oje, erstmals kleine Schmiereien, habs überpinselt.
Heute stell ich euch das Fensterl einer französischen Austauschschülergruppe vor. Ein schönes Zitat von Saint-Exupéry. Dieser wurde in Lyon geboren, wo die ungebetenen Poeten auch her kommen. Voilà!
Zwei junge Frauen bleiben stehen und sind begeistert von dem Gedicht „Chrislam“. Angesichts des Pegida-Wahnsinns versteh ich das. Angesichts des Poetischen Adventskalenders meint die eine: „Giesing ist einfach toll.“

15.12.  Aus seinem Lyrikband „Liebe + Verdamnis“ schreibt Harald Tröstl heute das Gedicht „Zerbrochen“. Er findet es schade, dass Lyrik bei den Verlagen so wenig Beachtung findet. Die Zauberblume schaut vorbei. Im Feengedicht hat sie das Wort „Dolmen“ entdeckt und googelt es gleich nach. Viele Passanten, die stehen bleiben, haben in den vergangenen Tagen schon mal ein Gedicht gelesen und wollen wissen, was es Neues gibt.

14.12. Enttäuschung: jemand hat das eindrucksvolle Kriegsgedicht von 1943, das seit Tagen am Adventskalender hängt, weggenommen.
Bernhard Mannl hat seine eigenen Buntstifte mitgebracht  – er fängt gleich an zu schreiben und zu zeichnen – Schäfchen. Das ist süß! Doch aufgepasst: wer genau hinschaut, merkt, dass Bernhards Gedichte bitterböse sind.
Ein Hallo gibt es als Poetin Rosemarie Raab-Becker vorbeischaut, um Stieftochter Clarissa den Adventskalender zu zeigen.

13.12. Heute findet in der Kulturjurte die Dichtel-Party statt - Poesiefreunde sind herzlich eingeladen.

12.12. Heute kommen zwei Poeten, denn morgen ist Dichtel-Party-Pause.
Franz Josef Neffe ist der Verfechter der Ich-Kann-Schule und setzt sich für eine freie Pädagogik ein. Er ist auf der Durchreise von Pfaffenhofen nach Niederbayern. Für ihn ist dieser Advent keine friedliche Zeit.
Richard Maresch kann und will nicht ernst bleiben. Die Hauptperson in seinem Gedicht ist ein Hirsch, ein bayerischer natürlich.

11.12. Federikas Tag. „Ich kann mich nicht entscheiden.“, lacht die Poetin und blättert in ihrem Heftl. Sie wollte schon mal Gedichte vom Dach regnen lassen. Michaela ist vorbeigekommen und hilft bei der Auswahl: lieber das mit den Tannen, nicht das mit der Verzweiflung. Manchmal bilden sich Menschentrauben vor dem Kalender, dann ziehen die Menschen wieder achtlos vorbei.

10.12. Als ich ankomme, ist alles schon erledigt. Brigitte Obermaier hat ihr Gedicht „Engel der Poesie“ bereits zuhause geschrieben und hingeklebt. „Aber das ist doch dann nicht authentisch.“, sag ich. „Na gut, dann mal ich es noch ein bisschen an“, meint die Zauberblume und verziert ihr Gedicht liebevoll mit Farbe und Smilies. Dann spielt sie noch eins auf der mitgebrachten Feenharfe. Leute fotografieren den Kalender mit dem Handy und gehen weiter, andere bleiben stehen und lesen gleich direkt.

9.12. Donny Melcher ist Dichter aus Leidenschaft. Gerade hat er ein fantastisches 27-seitiges Epos über eine indische Prinzessin abgeschlossen. Für den Adventskalender gibts ein kurzes märchenhaftes Feengedicht.Da die Dichter jetzt die unteren Felder ausfüllen, habe ich einen Klapphocker mitgebracht. Den schenke ich später allerdings der Biss-Verkäuferin und kriege dafür von ihr ein Bussi.

8.12. Schnell nach der Arbeit in raschen Strichen entsteht das Sternengedicht von Kati Ziegler, alias Reeny Reen. Noch ein paar Sterne dazugekritzelt. Ich freu mich auf ihren Auftritt kommenden Samstag in der Kulturjurte.

7.12. Sonntag ganz früh um 10 Uhr: Gerhard Reitinger stammt aus Niederbayern (irgendwo in der Nähe von Freyung). Die bayerische Mundart ist ihm eine Herzensangelegenheit. Sein konsumkritisches Weihnachtsgedicht ist seinem Buch „Bayern auf bayrisch“ entnommen, das er sogar mit den Cubabayrischen vertont hat. Ein bissel schimpft er, als ihm beim Schreiben ein Rechtschreibfehler unterläuft. Ob‘s einer merkt?

6.12. Samstag abends ist es ruhig. Tania Rupel, genannt Tera wühlt in ihrem Rucksack. „Ich hab auch lustige Gedichte, ehrlich. Aber ich kann sie nicht finden.“ Die bulgarische Künstlerin sucht sich bewusst ein Feld aus, in das schon jemand reingekritzelt hat. Die Kugelschreiberlinien bilden die Hintergrundtextur für Teras kräftige Handschrift.

5.12. Überraschung 1: über Nacht haben sich einige wilde Poeten verewigt. Überraschung 2: der Nikolaus ist da, sogar mit Engerl. Heute fügt Ulrike ihr Gedicht „Chrislam“ hinzu, Rosemarie bedichtet und zeichnet den Nikolaus und Maria schreibt eine Liebeserklärung. Der Nikolaus teilt handgeschriebene Gedichte an die Erwachsenen aus und Engerl Olivia Schokolade an die Kinder. Dazwischen springt die Zauberblume umher und nötigt die Kinder zum Gedichteaufsagen. Wow! Sarah sagt das „Papiertier“ auf und sogar Zaccharias („Ich kann nur Witze.“) kennt ein Gedicht!

4.12. Heute sind gleich zwei Poeten am Werk: Madalina mit federleichten Zeilen und Thomas mit einem aufrüttelnden Kurzgedicht. Passanten bleiben stehen und fangen gleich an zu lesen. Und eine Dame von der Security sieht nach dem „Rechten“ .

3.12. Ein bissel verspätet ging es am 3.12. mit dem Adventskalender endlich los. Michaela Hug-Szajer schreibt mit ihrer wunderschönen Handschrift und einem Silberstift („gab's günstig bei Aldi"). Eine junge Dame aus Tschechien freut sich, denn sie kommt hier täglich vorbei: „So etwas habe ich in Prag noch nicht gesehen."

Der erste poetische Adventskalender Münchens im öffentlichen Raum findet im Untergrund statt: In der U-Bahnschalterhalle Silberhornstraße. Auf einen zweckentfremdeten Großplakat wird in der Vorweihnachtszeit täglich ein Poet ein neues Gedicht dazuschreiben. So wollen knapp zwei Dutzend Poeten des Poesiebriefkastens um die Künstlerin Katharina Schweissguth die Passanten zu einem poetischen Innehalten in der hektischen Vorweihnachtszeit bringen.

Wann: Bis Ende Dezember 2014

Am 5. Dezember um 17 Uhr 15 kommt der poetische Nikolaus und verteilt Gedichte.

Wo: U-Bahnschalterhalle Silberhornstraße, beim Lift, Ausgang Silberhornstraße

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Interview im Hallo München